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Chor

Die Bauereignisse der Kirche des heiligen Sebastian von Anfang an zu verstehen bedeutet, ins Mittelalter einzutauchen, als an diesem Ort die Kirche des heiligen Jakobus stand. Das Aussterben der gleichnamigen Bruderschaft am Ende des 15. Jahrhunderts brachte die erste Renovierung des Baus mit sich, der den alten Titel beibehielt, sowie die zusätzliche Verehrung des heiligen Sebastian. 

Obwohl keine Spur von der Kirche aus dem 16. Jahrhundert überlebte sind die zugehörige Aufzeichnungen zahlreich: wir wissen nicht nur, dass das Innere mit Fresken der Geschichten des Martyrium des heiligen Sebastian bemalt war, aber auch dass es auf der Fassade ein Gemälde mit den zwei heiligen Jakobus und Sebastian neben dem Gekreuzigten gab. Das Gebäude überlebte bis zur Hälfte des 16. Jahrhunderts, als mit den Kriegsereignissen seine Renovierung notwendig wurde, die am Ende des gleichen Jahrhunderts begannen: Die ersten Eingriffe endeten 1621 mit der Fassade und vier Jahre später wurde die neue Kirche geweiht. Im ganzen Verlauf des 17. Jahrhunderts beschäftigte sich die Bruderschaft mit ständigen Umbauten zur Erweiterung und Verschönerung des Baus: Von der Dekoration von Molineri in den zwanziger Jahren bis zu der Erweiterung des Oratoriums 1663, die den Saal vergrößerte und zur derzeitigen Fassade führte. Im nächsten Jahrhundert gab es mit der Errichtung der Sakristei und des Ratsaals, sowohl der Erneuerung des Presbyteriums und des Chors (1736-54) umfangreiche Renovierungen. Im 19. Jahrhundert wurden das Mittelschiff mit zwei Seitenkapellen, die neuklassizistische Fassade (1889) und der neugotische Glockenturm (1899) wieder aufgebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg ist der Bau nach und nach verfallen und fast in völlige Vergessenheit geraten. Die 2003 begonnenen radikalen Renovierungsarbeiten brachten die ganze Pracht zurück. 

Der Verfallzustand der Kirche von San Sebastiano am Ende des 17. Jahrhunderts war der Grund, weshalb schon 1702 die Notwendigkeit bestand, das Gewölbe des Schiffes neu zu verputzen. Man sollte jedoch zwanzig Jahre auf eine neue Reihe von Renovierungsarbeiten warten, die den Chorbereich neu formen sollten: 1729 schlug der Rat vor, einen Eingriff durchzuführen für die „größte Verschönerung der Bruderschaft, […] um in dieser Kirche weitere Werke zu schaffen, die sie angesehen machen können“ Mit der Entscheidung vom 6. Mai 1730 wurde der Beginn der „Renovierung des Chors“ genehmigt. Der Eingriff brachte eine Veränderung des vorherigen Raums mit sich, der am Ende des 14. Jahrhunderts von den Meistern Fontana und Scala geschaffen worden war. Zwischen 1730 und 1731 wurde eine Nummer an Umbauten vorgenommen: die Abdichtung des Tors hinter dem Altar (von dem heute noch ein Zeichen im Gesims auf der äußeren Seite der Wand bleibt), der Bau von zwei seitlichen Nischen und gleichzeitig der Bau der neuen Räume neben der Sakristei und dem Ratsaal. Die Arbeiten für den neuen Altar verspäteten sich bis zur zweiten Hälfte der 30er Jahre, als man 1736 den Rat des Architekten Francesco Gallo aus Monregale erbat; noch 1741 beschloss die Bruderschaft die Kosten für „die Renovierung der Bänke des Chors“ zu tragen, sowie für die Reinigung des Altarbildes, die Neuerstellung der Balustrade und den „Anstrich der seitlichen Bögen, um sie an den vorderen Bogen und an den Chor anzupassen“. Der aktuelle Chor, der durch der Öffnung der Fenster in den Nischen heller gemacht wurde, ist vor allem ein Ergebnis der Eingriffe des 18. Jahrhunderts: der elegante und imposante römische Altar (vorgerückt von der Wand des Presbyteriums) ersetzte den Altar aus Holz und ist dekoriert mit vielfarbigem Marmor, Hermen von Engeln und Putten in den Kittdekorationen von Cipriano Beltramelli aus Lugano und  Pfeilen im Hauptteil, die San Sebastiano symbolisieren. Die Holzstühle des Chors folgen der gekrümmten Rückwand und sind durch einige erhaltene Elemente der alten Holzbalustrade vom Presbyterium getrennt. Der Raum vor dem Altar ist durch zwei Flügel der Balustrade aus Marmor abgegrenzt, die durch ein Tor aus Schmiedeeisen verbunden werden. Die Dekoration der Wände und des Gewölbes, die sich deutlich von den Fresken des Schiffs von Toselli aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterscheidet, ist geprägt von Scheinarchitekturen von Pietro Antonio Pozzi, in die sich das Fresko der Gloria del Paradiso von Alessandro Trono im Gewölbe einfügt. Aus den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts sind das zentrale Altarbild mit der Kreuzigung und Bilder der Heiligen Giacomo und Sebastiano, sowie von zwei Ordensbrüdern der Molineri, die sich auf der Hinterwand in der Mitte des Presbyteriums befinden und durch eine Säule und eine Blendsäule exaltiert werden, die die Wand umrahmen und die Monumentalität der Wand unterstreichen. Diese Wirkung findet man auch in Darstellungen der Evangelisten desselben Malers, die sich in den Seitenschiffen befinden.

Die Evangelisten

Der Begriff ist deutlich mit dem „Evangelium“ verbunden, dass heißt, mit der guten Nachricht, die diese Menschen und ihre Jünger bringen. Das Evangelium ist nämlich nicht nur eine Chronik des Lebens von Jesus, sondern auch die Mitteilung der Erfahrung, die viele Personen hatten, als sie ihm begegneten. Eine Nachricht die bald niedergeschrieben (wenige Jahre nach dem Tod und der Auferstehung) und durch den Beitrag von vielen Zeitzeugen und Jüngern bestätigt wurde. Die enge Verbindung mit dem Heiligen Geist hat diese Erfahrungen wirkungsvoll gemacht, um den Glauben aller Gläubiger, aller Kulturen für alle Zeit zu inspirieren. So entsteht die Bibel, die keine „Diktat“ von Gott ist (wie zum Beispiel der Koran), sondern die konkrete Erfahrung Gottes von verschiedenen Personen durch die Tätigkeit des Heiligen Geistes. Die Kirche hat die ältesten Zeugnisse (Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) als eigene anerkannt und sich von den späteren legendenhaften Zeugnissen (den sogenannten Apokryphen) distanziert. Die vier Evangelisten sind jeweils durch ein Symbol erkennbar, das mit ihren Schriftstücken verbunden ist (Markus hat den Löwen neben sich, Matthäus den Engel, Lukas den Ochsen, Johannes den Adler). Oft sind ihre Bilder in den vier Pendentifen zu finden, die die Kuppeln der Kirchen stützen (das dargestellte Paradies wird von dem evangelischen Zeugnis „gestützt“). 

 

Evangelisten

Giovanni Antonio Molineri, Evangelisten (1628)  |   fresko

Ein Jahr nach der Verwirklichung der schönen Altartafel der Kirche, wurde Molineri beauftragt, ein Gemälde mit dem Heiligen Geist für das Sims, einige seitliche kleine Bilder (jetzt verloren) und die Fresken in den Pendentifen der Kuppel des Chors mit den vier Evangelisten zu kreieren. Aufgrund verschiedener Umbauarbeiten der Kirche sind nur die zwei Gemälde des Künstlers bei der Rückwand erhalten (hl. Matthäus und hl. Johannes). Die anderen beiden (hl. Markus und hl. Lukas) wurden 1844 während der Erweiterung des Presbyteriums von Maler Toselli umgearbeitet. Auf dem Stein an den Füßen des heiligen Johannes befindet sich der Name des Künstlers und das Datum „I.A. Molinerius, Savil, F. MDCZZVIII“. 

Gekreuzigter mit den heiligen Sebastiano und Giacomo und zwei ordensbrüdern

Giovanni Antonio Molineri, Gekreuzigter mit den heiligen Sebastiano und Giacomo und zwei ordensbrüdern, 1625, öl auf leinwand

Im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts leitete die Bruderschaft von San Sebastiano die Arbeiten für die Erneuerung des Kirchenchors auf Basis der Pläne von Hauptmann Giuseppe Fontana ein. 1625 beauftragte er Giovanni Antonio Molineri mit dem Leinwandgemälde für den Hochaltar, das den Gekreuzigten mit den heiligen Sebastiano und Giacomo und zwei Ordensbrüdern darstellt. Im Vordergrund sind die zwei Heiligen, die traditionell bei Epidemien angebetet werden: Sie richten ihre Blicke auf den Christus am Kreuz, der im Mittelpunkt der Szene ist. Aber die starke emotionale Anteilnahme zieht auch die andere Figuren mit ein: von den Engel, die mit zum Gebet gefalteten Händen um das Kreuz fliegen, bis zu den zwei Ordensbrüdern in inbrünstiger Anbetung. Im Geiste der Tradition tragen sie die typische Kleidung der Bruderschaften. Um gesellschaftliche Unterschiede zwischen den Mitgliedern zu vermeiden und zu garantieren, dass die Barmherzigkeit wirklich gratis und anonym war („deine Rechte soll nicht wissen, was die Linke tut“, sagt das Evangelium), begann man damit, eine Kapuze zu tragen, die das Gesicht versteckte. In unserem Gebiet beschäftigten sich die „Weißen“ (Santa Croce) mit den Kranken, die „Schwarzen“ (Misericordia) mit Häftlingen und Toten, die „Grauen“ (San Sebastiano) mit den Infektiösen, die „Roten“ (Santissima Trinità) mit der Glaubenslehre. Sie wurden auch BATU’ genannt („Geschlagen“) mit Bezug auf die Praxis der öffentlichen Buße, die sie durchführten. Molineri schafft es den Personen mithilfe von Licht und Schatten einen starken Ausdruck zu geben: San Sebastiano wird von einer sanften Linie und seinem Schatten umrahmt. San Giacomo, in schwere Stoffe gewickelt, strahlt Stärke und Entschiedenheit aus. Im dunklen Hintergrund, der durch die weißen Kleider der zwei Ordensbrüder hervorgehoben wird, zeichnet sich eine realistische Ansicht der Stadt Cueno mit der Brücke über der Stura ab, ein Gebiet, dass noch heute „Basse di San Sebastiano“ genannt wird, auf das die Bruderschaft Rechte beanspruchte. Heute hat das von den Kritikern als „eines der am dunkelsten und echt caravaggistischen Gemälde“ geschätzte Werk einen „hinzugefügten ovalen oberen Teil“, der 1743 von Pietro Paolo Indio gemalt wurde.

Giovanni Antonio Molineri

Giovanni Antoni Molineri wurde 1557 in Savigliano geboren. Nach seiner Ausbildung in der Werkstatt seines Onkels, Giovanni Angelo Dolce, ging er für eine Fortbildung nach Rom (wahrscheinlich in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts bis 1616). Nachdem er zurückgekommen war, bekam er wichtige Aufträge in den Provinzen von Cuneo und Turin, sowie des savoyischen Hofes. Seine Werke zeichnen sich durch eine Verbindung der Modelle aus dem Spätmanierismus mit den römischen Neuheiten von Caravaggio und Carracci aus: Eine glückliche und beliebte Synthese, wie die Nummer an Schülern zeigt, die in den Quellen erwähnt werden. 1631 starb er in Savigliano an der Pest. 

Ruhm von san Sebastiano

Alessandro Trono, Ruhm von san Sebastiano, 1743 | fresko

Von 1736 bis etwa 1765 beschäftigte sich die Bruderschaft von San Sebastiano mit der Dekoration des Kirchenchors. Zwischen den Jahren 1736 und 1743 fand die arbeitsintensivste Periode statt, als anerkannte Künstler, wie Pietro Antonio Pozzo, Trompe l’oeil-Maler, damit beauftragt werden, Scheinarchitekturen auf dem Gewölbe zu schaffen. Ebenfalls beauftragt wird Alessandro Trono, der der Bruderschaft bereits bekannt war, weil er seit langer Zeit Mitglied und Wohltäter war. In den Rechnungsbüchern der Bruderschaft wurden Zeiten, Art und Weise und Kosten der Arbeiten von Trono festgehalten, der zwischen Frühling und Herbst 1743 das Gewölbe mit Fresken der gewidmeten Heiligen bemalt hatte. Der Raum wird mithilfe von illusionistischer Malerei um architektonische Elemente und Blumenmuster in konzentrischen Ringen erweitert; hier findet sich der himmlische Aufstieg von San Sebastiano, der von eleganten Engelsfiguren, die mit weiten, wehenden Stoffen schweben, in Richtung Paradies geschoben wird. Dies ist das einzige überlebende Fresko von Trono, das wie üblich seinen schlichten und begehrten Stil zeigt. 

Alessandro Trono

Alessandro Trono wurde am 3. November 1697 in Cuneo geboren. Seine Ausbildung ist unbekannt und fand wahrscheinlich in seiner Geburtsstadt statt, wo er für die Bruderschaften von Santa Croce (1724-1732) und San Sebastiano (1743) arbeitete. Im Dezember 1724 war der Maler in Rom, doch über den Aufenthalt gibt es keine weiteren Informationen; seine Teilnahme am Wettbewerb Marsili-Aldovrandi an der Accademia Clementina in Bologna im Jahr 1727 ist jedoch bestätigt. Nach den Reisen außerhalb der Region wurde Turin der Wohnort von Trono, wo sein Werken bis zu seinem Tode (21. Oktober 1781) dokumentiert wurde. Hinsichtlich des künstlerischen Umfelds der Zeit führte Trono eine persönliche Suche durch, die unabhängig von der Art und Weise des Hofsmalers Beaumont und in der Kultur des 18. Jahrhunderts verwurzelt war, sowie durch seine Heimat als auch von seiner Erfahrung in Bologna geprägt war. Seine Werke werden noch heute in vielen Gebieten in Piemont entdeckt, wodurch sich sein bemerkenswerter Katalog erweitert wird.