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Kanzel

Seit dem 11. Jahrhundert, zeitgleich mit der Krise der Lektüre des Wortes Gottes in der Messe, wurde auch der Ort von dem die biblischen Lesungen erfolgten – die Ambo - zunehmend weniger genutzt.

Die Verkündung des Wortes Gottes während der Messe, in der Tat damals nur in Latein gesprochen, ist unverständlich und langwierig. Ein Wendepunkt kommt mit Luthers Reformation,  die unter den Gläubigen den Gebrauch der Bibel in der Volkssprache wieder einführt. Die römische Kirche hingegen reformiert mit dem Konzil von Trient die Liste der heiligen Bücher und befreit sie von Texten die als Legenden oder überholt angesehen werden (die "apokryphen" Evangelien), doch zur gleichen Zeit verbietet sie das private Lesen und reduziert Lesungen während der heiligen Messe auf einige sich immer wiederholende Verse (das Buch mit den Texten, die während der Messe gelesen wurden, wurde durch ein paar gerahmte Seiten auf jedem Altar ersetzt: die CARTEGLORIA). Stattdessen wird die Predigt gestärkt, also die Deutung der heiligen Texte in der populären Sprache. Dies geschieht von der Kanzel, einer angehobenen Plattform in der Mitte der Kirche, damit die gesamte Gemeinde den Prediger hören und sehen kann.

Die GROSSEN PREDIGTEN von berühmten Rednern sind begehrt und oft von der Stadt bezahlt, die sich erhofft somit Streitigkeiten zwischen Familien, Bürgergruppen und benachbarten Gemeinden zu lösen.

Während längerer Phasen (die FASTENZEIT oder VOLKSMISSIONEN) ziehen Prediger wie St. Bernhardin von Siena, St. Vincent Ferrer, der Selige Angelo von Chivasso und Benigno Dalmazio über mehrere Tage Tausende Bürger aus Cuneo und Umgebung an. Mit ihren Predigten helfen sie dabei Fehde und Kämpfe beizulegen und auf Wucher und Glücksspiel zu verzichten. Sie bitten um das öffentliche Gelübde und Bekehrung, was zum Aufbau und der Instandhaltung von öffentlichen Institutionen und Diensten der Nächstenliebe führt (Krankenhäuser, Waisenhäuser, Hilfe für Gefängnisse etc.). An den öffentlichen Predigten (die nicht nur in Kirchen, sondern auch auf den Straßen und Plätzen auf speziell konstruierten Kanzeln stattfinden) nehmen alle teil: Priester, Ordensleute, Edelleute, Laien, Prostituierte, Häftlinge, die Armen, die Kranken... Diese großen Momente prägen jahrzehntelang das Leben der christlichen Gemeinden, erneuern den Glauben, reformieren die Bräuche, führen neuer Formen der Anbetung und des Gebets ein (wie z.B. den Rosenkranz, das Skapulier, Prozessionen, neue Bruderschaften ...).

Viele Glaubensgemeinschaften waren auf diese Predigten „spezialisiert“ (Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten, Karmeliter, Serviten, Oratorianer, Theatiner...). Sie konzentrierten ihre Kräfte auf diese Methode der Verkündigung und schulten ihre Prediger in Rhetorik, Theologie, Moral, der Heiligen Schrift, …

Vielen dieser prägnanten Formeln sind die neue Volksfrömmigkeit und Nächstenliebe zu verdanken, die das christliche Leben ganzer Generationen bereichert haben.