Im August 1802 verordnete die französische Regierung die Abschaffung von Bruderschaften, Klöstern und Kartausen: eine epochale Verwirrung die den Raub von Reichtümern und Kunstwerken, die Vertreibung von Ordensbrüdern und das Verschwinden von säkularen Institutionen verursachte.
Am 28. Thermidor des 10. Jahres (10. August 1802) wurde im Verwaltungsbezirk Stura, dessen Haupstadt Cuneo war, das offizielle Abschaffungsdekret verkündet. Für einige Institutionen war es das Ende eines langen und unabwendbaren Niedergangs, andere wurden indessen im Höhenpunkt ihres Schaffens getroffen, was nicht nur menschliche und persönliche Schwierigkeiten verursachte. Ein großer Teil der Dekorationen und Einrichtungsgegenständen (Gemälde, Statuen, Altare, Tabernakel, Silber, Kanzeln, Chore, Kirchenbanken) aus den abgeschafften Klöstern wurde in Auktionen verkauft. Viele dieser Objekte gingen an andere Kirchen, die diese brauchten; weitere gingen in andere, bis heute unbekannte Richtungen und sind somit verloren. Das Kloster des heiligen Franz von Assisi, alter Sitz der Minoriten, seit jeher ein gesellschaftlicher und geistiger Bezugspunkt der Stadt, wurde unwiderruflich beschädigt. Das Kloster des heiligen Ludwig von Tolouse, der Sitz der Kapuziner, wurde abgerissen und zum Stadttheater; Das Kloster der heiligen Klara von Assisi wurde zum ersten Sitz der Stadtbibliothek. Die Kartause von Pesio (Diözese von Mondovì), tausendjährige Institution und unbestrittene Hochburg des Gebiets, wurde in wenigen Tagen ausgerottet und der in Jahrhunderten angehäuften Kunstreichtümer beraubt. Einige von ihnen - wie die zwei hier ausgestellten Gemälde - gingen an die Kartause des Bischofssitzes von Cuneo wie durch Dokumente und Inventuren belegt. Bereits im Sommer 1800, wurde der alte Mauerring von Cuneo auf Befehl Napoleons zerstört, wodurch viel Raum für neue Gebäude entstand, die für militärische und kulturelle Zwecke verwendet werden sollten. Diese neugewonnenen Grundstücke waren ein wertvoller Zugewinn für den vorzeitigen Bebauungsplan von 1802, der Cuneo als moderne Bürgerstadt sah. In wenig mehr als einem Jahrhundert gab es viele ähnliche Anordnungen von Abschaffungen, bis zu denen der savoyischen Regierung von 1861. Einige Institutionen konnten sich entwickeln, weiterleben und verwandeln, aber einige verschwanden für immer.
Als Napoleon die Abschaffung der Religionsorden anordnete, waren die Kloster noch ein Bezugspunkt für Kultur und Gesellschaft in der Stadt Cuneo: Säkuläre Institutionen mit einem menschlichen und künstlerischen Reichtum, die zum Verschwinden verurteilt waren. Die Operation von Napoleon sah die Abschaffung von Klöstern, die Auflösung der religiösen Gesellschaften und die Einziehung des Besitzes der Gemeinde vor. Im Verwaltungsbezirk Stura, wo sich Cuneo befand, kam am 28. Thermidor im Jahr 10 (16. August 1802) die offizielle Verordnung der Abschaffung der Religionsorden. Das Verfahren war bei allen Klostersitzen ähnlich: die Kommissare gingen in die Klöster, überprüften die Orte mithilfe von einigen Mitgliedern der Gemeinde und fügten Siegel hinzu, so dass niemand eintreten konnte; dann verfassten sie eine detaillierte Inventur der Güter, die in den besuchten Räumen waren. In den folgenden Tagen bereitete der Kommissar die Abbauoperationen der Klosteräume vor, die in wenigen Tagen stattfanden: Die Güter wurden in Kästen gepackt und in den zentralen Sitz für die Abschaffungsoperation transportiert: San Francesco di Cuneo.
Plan et project d'aggradissement

Vittorio Boasso, Plan et project d'aggradissement et imbellissement de la ville de Coni, 1802
Gioacomo Porino, Plan et project d'aggradissement et imbellissement de la ville de Coni, 1807
Nach der Verordnung von Napoleon am 23. Juni 1800 wurden die Befestigungen von Cuneo zerstört; diese waren die Voraussetzungen für die Gründung der Bürgerstadt des 19. Jahrhunderts. Die aus den Verteidigungsgebäuden befreiten Gelände waren eine wertvolle Reserve für die Erweiterung, nach präzisen städtebaulichen Bindungen. Somit war der frühreife Bebauungsplan von 1802 geboren, der dem Hauptmann von dem Bauamt Giuseppe Muttoni anvertraut wurde. Im Plan sind die Teile der alten Stadtmauer noch gut sichtbar, an deren Stelle Straßen und Gärten vorgesehen wurden und die Erweiterung nach Süden mit einem kleinem Platz, die durch die heutige Piazza Galimberti ersetzt wurde. Die Planung von Napoleon war der erste und einzige Versuch, eine laie und menschliche Stadt zu schaffen, entsprechend des wissenschaftlichen Aufklärungsgedankens und verbunden mit der Konzeption der „offenen Stadt“ im Einklang mit der Natur, aber auch als Garantie von physischer und gesellschaftlicher Hygiene der Gemeinde. Die hier ausgestellten Exemplare beziehen sich auf die Werke von Muttoni: das Bild von Boasso ist eine getreue Reproduktion, das von Porino hingegen ist eine Ausarbeitung mit durch die Wirtschaftslage der Zeit verursachten Varianten und Veränderungen. Aus Erhaltungsgründen sind im Museum die Reproduktionen der Originale der Diözesebibliothek ausgestellt.
Das letzte Abendmahl und das Jüngste Gericht

GIOVANNI CLARET, Das letzte Abendmahl und Das Jüngste Gericht, 1660-1662, | Öl auf Leinwand
Die zwei große Leinwände kamen aus der Kartause von Pesio, wo sie Untersuchungen nach als Teil einer Reihe von zehn Gemälden mit Episoden aus dem Leben Christi das Gewölbe der Kirche schmückten, worunter sie die einzigen Überlebenden sind. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Kartause von Pesio erweitert und restauriert. Die Umbau- und Restaurierungsarbeiten wurden ausgeführt von Architekt Giovenale Boetto di Fossano, der sich mit den Restaurierungen der ganzen Kartause beschäftigte, sowie Maler Giovanni Claret, der aus den Niederlanden kam aber in Savigliano lebte, ein Vertreter der naturalistischen Malerei von Piemont war und das Schiff der Kirche ausschmückte, zur Ergänzung der bildlichen Planung von Maler Parentani, der zu Beginn des Jahrhunderts das Presbyterium und den Chor mit Fresken bemalt hatte. Die zwei Gemälde, 177x306cm groß, sind sehr unterschiedlich im Ansatz und Stil, was ein Zeichen der gewollten Untersuchung von verschiedenen Modellen für ein kompliziertes ikonographisches Programm wie das von dem Claret ist. Das Giudizio Universale (Das Jüngste Gericht) orientiert sich an einer manieristischen Nordikonographie, die im Gebiet von Cuneo viel verwendet wurde (zum Beispiel in der Wallfahrtskirche der Madonna dei Boschi von Boves) und die eine Alternative zum Modell der Cappella Sistina von Michelangelo war. Die Szene ist in zwei verschiedene und gegensätzliche Stücke aufgeteilt und durch das Gedränge von Figuren, die sich unregelmäßig zusammendrängen und nach oben oder nach unten durch die herrische Geste von Christus geschoben werden, der im Hintergrund steht und von Engeln und Heiligen eingekreist wird. Im Vordergrund stehen die Leichen der Personen, die der Rettung oder der Verdammnis geweiht sind, die die Dramatik durch die Aufregung des Ereignisses und die chromatische Herbheit markieren. Der dunkle Hintergrund unter Christus wird durch das Wimmeln der durch die staubigen Wolken versteckten Seelen belebt. Das Ultima Cena (Das letzte Abendmahl) zeigt hingegen eine viel geordnetere Szene, die sich um die Geste der Segnung Christi und die Institution der Eucharistie dreht: Sie zerfällt um die nackte und schräg gestellte Tafel, um die Szene zu dramatisieren und ist ein Ergebnis des Caravaggio-Stils von Piemont. Das berühmte Modell ist das Ultima Cena von Peter Paul Rubens (1631-1632), das heute in der Pinacoteca von Brera hängt, interpretiert als eine intimere Atmosphäre mit einer größeren Gelassenheit von Gesten und Blicken. Die auffallenden Elemente sind die chromatischen Gegensätze von Lichter Schatten; der große rote Vorhang, der die Heiligkeit des Ereignisses betont und die intensiven Gedanken der unregelmäßig um den Tisch aufgestellten Apostel, die von den Gesten des Erlösers überrascht und angezogen werden. Die Symmetrie des Bildes wird durch den Ausweg der auf den Zuschauer gerichteten Tischkante übertroffen, an dem Judas mit einem traurigen und gedankenverlorenen Blick lehnt. In beiden Gemälden findet man die typische Eigenheiten der Werke der letzten Periode von Giovanni Claret, mit ausgefransten, schnellen und nicht vollendeten Pinselstrichen, wie man in den Gesichtszügen der Figuren bemerken kann, die in den schnell angedeuteten Strichen kräftig aussehen. Ihre Datierung ist um 1660-1662 herum. Nach der Abschaffung der Kartause von Pesio und der Zerstreuung der Werke in den napoleonischen Jahren kamen die zwei Leinwandgemälde nach Cuneo und wurden Eigentum der Gemeinde. Einige Dokumente aus dem 19. Jahrhundert nennen sie „Giudizio“ und „Coena Domini“ und sagen, dass sie den Schulen und Bibliotheken der Stadt zugewiesen waren; 1867 wurden sie an den Bischofspalast von Cuneo ausgeliehen, um die Wohnung des Bischofs zu schmücken, und wo sie bis vor drei Jahren blieben. Dann wurden sie in der Aula Magna des Seminario von Cuneo ausgestellt.
Jean Claret
Giovanni (Jean) Claret wurde um 1610 in Hertogenbosch in den Niederlanden, geboren; später zog er nach Savigliano in Piemont um, wo er als Maler im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts tätig war und wo er den caravaggistischen Maler Giovanni Antonio Molineri traf. Aus den Dokumenten der Stadt Savigliano geht hervor, dass er 1642 Giulia Pistone, die Tochter des Malers Francesco Pistone, heiratete. Mit viel Glück arbeitete er in den zentralen Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts in einem großen Teil der Provinz Granda und gründete eine Werkstatt, wo auch sein ältestes Kind, Alessandro, arbeitete. Er starb am 2. Oktober 1679 in Savigliano.

