Seit jeher äußert sich die christliche Religion auch durch Prozessionen: Das geordnete Procedere in Richtung eines Ziels des gesamten Volkes Gottes.
Mit der Krise der großen Wallfahrten, den häufigen Kriegen in europäischen Staaten und den Erneuerungsanstößen, die von Ordensgemeinschaften gebracht wurden, wurden Prozessionen eine Art Mini-Wallfahrt, auf der man das Bild der „Kirche als Volk auf dem Weg“ zum Ausdruck bringen kann. Das ganze Volk geht hinter dem Kreuz Christi, das jeden Umzug eröffnet, und ist in Gruppen unterteilt, die eigene Uniformen und Zeichen tragen, zusammen singen und beten wie „ein gemeinsames Herz und eine gemeinsame Seele“. Bruderschaften, Laiengruppen, Religionsgruppen, Klerus…. Auch die verstorbenen Wohltäter werden auf Porträts gezeigt und somit anwesend. Wege und Bilder wiederholen sich über die Jahre und verbinden die Prozessionen somit geistig zu einem einzigen jahrhundertealten Weg. In der Mitte der Prozession wird das Bild der Jungfrau Maria oder vom heiligen Schutzpatron getragen. Die Prozessionen werden ein großes Zurschaustellen (nicht notgedrungen im negativen Sinne) der gesamten damaligen Gesellschaft. Seit dem 17. Jahrhundert wird an diesem Ort die Madonna del Carmine besonders verehrt, die jedes Jahr am 16. Juli mit einer festlichen Prozession gefeiert wird.
Oft sind die fesselndsten Prozessionen an Fronleichnam bzw. in der Karwoche, gemeinsam mit der historischen Darstellung des Leidens und Todes Christi, wie zum Beispiel bei den „Parlate“ in Entracque (Gesso Tal), wo sich die Prozession durch die Straßen des Dorfes schlängelt, die mit Lampen und Fackeln beleuchtet sind; alle Akteure nehmen aktiv teil und tragen die Instrumente der Passion Christi. Das Volk begleitet die Urne Christi und singt dabei das Miserere und das Stabat Mater.
Der Berg Monte Carmelo ist ein Ort von großer symbolischer Bedeutung im Alten Testament, eine Oase der körperlichen und seelischen Erfrischung (Karmel=Blumengarten), vor allem an den Propheten Elias angelehnt, der hier eine leibhaftige Zuflucht findet. Geographisch handelt es sich um das Vorgebirge, das sich neben dem heutigen Haifa befindet, einem wahrhaftig üppigen Garten, der sich in einem eigentlichen Wüstengebiet befindet. Die Kreuzritter finden hier einige Formen des Einsiedlerlebens, die aus der Inspiration durch Elias geboren wurden und die sehr bald auch in der christlichen Gemeinschaft reifen, wie in klösterlichen Gemeinschaften. Eine Reihe von Erscheinungsbildern der Jungfrau Maria treibt die Bildung eines echten Mönchsordens voran, die ihren Namen hierher nehmen: die Karmeliter. Die Geste ist symbolisch: Das Skapulier war einst eine Art von Arbeitsschürze: Wer sich vorbehaltlos mit dem „Dienst kleidet“ (inspiriert von Maria), findet den Weg, das Evangelium zu leben (indem er sich mit Christus kleidet, der das Evangelium ist). Die Verehrung der Madonna del Carmelo in Cuneo ist von der Bruderschaft des Heiligen Sebastian ab 1606 bescheinigt, jenem Jahr, als die Kompanie gegründet wurde. Es ist kein Zufall, dass in den Dokumenten der gleichen Zeitspanne der Auftrag einer neuen, der Jungfrau Maria gewidmeten Prozessionsfahne zu finden ist. Sie flehen Maria als Königin des Monte Carmelo, oder besser bekannt als Madonna del Carmine, an. Die anschließende Ausbreitung des Ordens verbreitet den Kult in ganz Europa und in Lateinamerika. Die Jungfrau ist dargestellt, wie sie ein Skapulier darbietet, das heißt zwei kleine Stoffstücke (oft dunkelbraun, die Farbe des Ordens), die miteinander durch zwei dünne Bänder verbunden sind und für das Tragen auf den Schulterblättern gemacht sind.
Prozessionsfahne

Moncalvo, Prozessionsfahne, anfang des 17. Jahrhunderts, öl auf leinwand
Anfang des 17. Jahrhunderts beauftragte die Bruderschaft des Heiligen Sebastian den Maler Moncalvo mit der Gestaltung zweier Prozessionsfahnen, von denen die erste für die feierliche Prozession „mit den Figuren der Madonna del Carmine, des Heiligen Sebastian und anderen großen Heiligen, geschmückt mit Goldarbeiten und Fransen“ bereits 1606 fertiggestellt war. Man findet einen Vermerk zur zweiten im Verzeichnis von Juni 1662, als „[…] noch eine andere der Jungfrau, den man zur Zeit eines Begräbnisses zu tragen pflegt“. Fünfzig Jahre später sieht das Weihsakrament vom 8. April 1663 vor, dass “für die Prozessionen, die jeden vierten Sonntag des Monats stattfinden, man jene tragen könnte, die momentan für die Toten getragen wird, soweit es die gleiche der ausgezeichneten und geschickten Hand des Malers bleibt, der die andere gemacht hat“. So wird im Caccia auf denselben Autor der beiden Prozessionsfahnen hingewiesen. Die kleinere davon wird schlussendlich im Verzeichnis des 30. Septembers 1683 erwähnt als „eine andere mit der Jungfrau und den Seelen im Fegefeuer“. Die Verwitterung, der die Prozessionsfahnen ausgesetzt sind, bringt die Bruderschaft in denselben Jahren dazu, eine Kopie dieser zu erstellen. Daraufhin verlieren sich schon ab Anfang des 18. Jahrhunderts die Spuren in den Dokumenten der originalen Prozessionsfahnen des Moncalvo. Die Vergleiche mit anderen ähnlichen Werken – wie zum Beispiel das Gemälde der gleichen Thematik, das im Museum der Bruderschaft von Acceglio ausgestellt ist – deuten auf eine Wiederverwendung von vorgefassten Modellen in der Werkstatt von Moncalvo hin, vielleicht von Mitwirkenden oder der Tochter Orsola Maria, Malerin. Der Moncalvo ist in anderen Städten mit anderen Werken auf Leinwand vertreten, wie zum Beispiel die Kathedrale der Heiligen Lucia, San Diego di Alcalà al Santuario della Madonna degli Angeli und die freistehende Freske mit der Geburt der Jungfrau, die sich jetzt in der CRC-Stiftung befindet.
Guglielmo Caccia, genannt Moncalvo
Wahrscheinlich im Jahre 1568 in Montabone geboren, begann er seine Karriere im bescheidenen künstlerischen Umfeld des Casalese Mitte der 80er Jahre. Der Spitzname ist von seinem gewöhnlichen Aufenthalt im kleinen Zentrum der Stadt Asti abgeleitet. Auf die piemontesische Bildung folgte vielleicht eine Reise nach Bologna (wo er die Werke von Caracci kennenlernte). Ab 1605 begann er die glückliche Verbindung mit Carlo Emanuele I, für den er im Palast des Viboccone und für die große Galerie des Palazzo Ducale in Turin (beide zerstört) arbeitete. Später sollte er auch in der Lombardei sehr beschäftigt sein. Ein Großteil seiner späten Werke zeigen Beiträge der Tochter Orsola Maddalena, die ebenfalls Malerin war. Viele sind replizierte Prototypen und Werkstattarbeiten, die immer von zarten Tönen und transparenten und feinen Farben gekennzeichnet sind. Der Tod des Künstlers ist in den Büchern der Pfarrei von Moncalvo am 13. November 1625 vermerkt.
Die Andachten
In der heutigen Sprache hat der Begriff der Andacht oft eine negative oder parteiische Konnotation in Bezug auf den Glauben. In Wirklichkeit handelt es sich um jede innere Haltung (dann in Gesten, Zeichen und Worten ausgedrückt), die die Liebe zu Gott (bis zu ekstatischen oder mystischen Bedeutungen) und dem Nächsten zum Ausdruck bringt. In der „Anleitung zum frommen Leben“ schreib Franz von Sales zu Beginn des 17. Jahrhunderts: „Die wahre und lebendige Andacht ist nichts anderes als wahre Liebe Gottes. Die Andacht soll auf unterschiedliche Weise von einem Edelmann, einem Handwerker, einem Diener, einem Prinzen, einer Witwe, einer unverheirateten Frau und einer Ehefrau ausgeübt werden. Die Andacht vernichtet nichts, wenn sie aufrichtig ist, im Gegenteil, sie vervollkommnet alles.“ Diese außergewöhnlichen Eingebungen führten zu einer großen Erneuerung des christlichen Lebens. Die großen Predigten der durch das Konzil von Trient reformierten Orden und der daraus entstandenen (Jesuiten, Theatiner) entwickelten zusammen mit den neuen künstlerischen Formen des Barocks in wenigen Jahrzehnten eine unglaubliche Lebendigkeit der „Andacht“, die mit der Nachahmung der Leben Christus, Maria und der Heiligen verbunden war und die besonderen Bedürfnisse und gesellschaftlichen, gesundheitlichen, altersbedingten und arbeitsbedingten Anforderungen vereinte. Maria wurde zunehmend das Modell für jede Frau jeden Alters und aus jedem Gesellschaftsstand – Kind, Jungfrau, Ehefrau, Mutter, Witwe. Der gekreuzigte Christus symbolisiert die Quelle des Erduldens jedes menschlichen Leidens. Das Leben der Heiligen wurde zum Kennzeichen für jede Person, jeden Rang und Beruf. Einer Vereinigung anzugehören, wie einer Bruderschaft, bedeutete von diesem Moment an, den Anreiz zu erfahren, ein praktisches Christentum zu entwickeln, das sich mit allen Problematiken des Lebens auseinandersetzte: Bildung, Armenhilfe, Waisen, Witwen, Kranke, Gefangene, Tote, entsprechend den Anforderungen der Werke der Barmherzigkeit. Es vervielfältigten sich entsprechend Kluften, sakrale Gegenstände, Insignien, Skapuliere, Bilder. Die Prozessionen wurden mehr denn je ein Moment des höchsten Ausdrucks der Bedürfnisse, Zugehörigkeiten, Anträge und des eigenen Glaubens von Seiten der gesamten Gesellschaft.
Madonna von Loreto

Piemont, Madonna von Loreto, 18. Jahrhundert | Öl auf Leinwand
Auf der Rückseite des Gemäldes steht geschrieben: “10. Februar des Jahres 1816. Im gleichen Haus unseres Heiligen Vaters in Rom, also Pius VII, folgte der Segen des vorliegenden Bildes, das die Heilige Jungfrau von Loretto darstellt. Danach wurde das vorliegende Bild am 15. März nach Loretto gebracht und im selben Haus in Loreto eine ganze Nacht bis zum 16. desselben Monats gelassen [...]”
Mater Dolorosa

Mater Dolorosa, 18. Jahrhundert | Gemeißeltes Holz, geschnitzt, bemalt
Es handelt sich nicht um eine vollkommen gemeißelte Statue, sondern um ein “zu bekleidendes” Bild, in dem nur der sichtbare Teil (Hände und Gesicht) ausgearbeitet und bemalt ist, während der Rest des Werkes eine Art Ankleidepuppe ist. Das Kleid ist wahrscheinlich ein Abendkleid, eine Weihgabe an die Madonna.
Mater Dolorosa mit dem Körper Christus

Bottega der Botta, Mater Dolorosa mit dem Körper Christus, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts | Öl auf Leinwand
Das Werk ist stilistisch auf die Werkstatt der Botta zurückzuführen, eine berühmte Malerfamilie aus Cuneo. Die Ikonographie des Bildes ist etwas ganz Besonderes, weil es das Bild der mit Schwertern durchbohrten Jungfrau Maria (Madonna die Sette Dolori) mit dem der wirklichen Barmherzigkeit (Jesus Christus tot im Schoß seiner Mutter) verbindet.
Mater Dolorosa
Im Laufe der Geschichte haben die Gläubigen in vielerlei Weise die Mutter Jesu angefleht, genau wie es in der Familie tausende Kosenamen gibt, die Mutter zu rufen. Einige Namen sind an Erscheinungen angelehnt (Marienerscheinung in Lourdes), andere sind besondere Bezüge zu Jesus (Mutter der Barmherzigkeit) und wieder andere sind an bestimmte Momente des Lebens und das Geheimnis Marias (unbefleckte Empfängnis, Mariä Himmelfahrt) gebunden. Jede Anrufung (man denke an die Litaneien) stammt aus einer bestimmten Erfahrung einer Gruppe von Gläubigen oder einer klösterlichen Gemeinschaft, die dies dann für das Wohle aller (Andacht) mitteilten (Predigt). Der älteste und wichtigste Name ist „Muttergottes“, mit dem die Kirche Maria seit dem 4. Jahrhundert bezeichnet. „Madonna“ ist mittelalterlichen Ursprungs und war der Name, der jeder Frau von Rang gegeben wurde. Es waren die „Diener Mariens“ (Gruppe von Mönchen, entstanden im 13. Jahrhundert), die die Mater Dolorosa für die allgemeine Andacht angaben. Die „Schmerzen“ sind traditionell sieben, eine symbolische Zahl, die die Ganzheit zeigt und an die Leiden des Sohnes Jesus, von seiner Zirkumzision bis zu seinem Tod, gebunden ist. Im Johannesevangelium ist Maria am Fuße des Kreuzes, leidet bis zum Ende mit ihrem leidenden Sohn. Die Mater Dolorosa ist in schwarz gekleidet dargestellt, hat Tränen in den Augen und ein Schwert (oder sieben), das das Herz durch bohrt (wie Simeone im Evangelium vorhergesagt hatte: „Ein Schwert wird deine Seele durchdringen.“)
Szenen des Leidens

Giovanni Battista Bruno, Szenen des Leidens, erste Hälfte des 17. Jahrhunderts | Öl auf Leinwand
Das Thema des Leidens ist sehr wichtig für den christlichen Glauben, weil es den Kontaktpunkt zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen symbolisiert; durch das Leiden und den Tod des Sohns Gottes wird der Mensch die Sicherheit der göttlichen Rettung haben. Das ist das Thema auf den zwei Leinwänden von Giovanni Battista Bruno im Museum: „Christus begegnet Veronika“ und „Der ans Kreuz genagelte Christus“. Für den Künstler sind die empathische Untersuchung und die psychologische Bindung seiner Darstellungen sehr wichtig und tatsächlich sind die Hauptfiguren dieses Gemäldes im Vordergrund, mit Dimensionen die fast aus dem Rahmen austreten und einen Kontakt mit dem Betrachter herstellen. Auf dem ersten Gemälde ist der empathische Ruf durch die Dreiecksaufteilung der Szene hervorgehoben, wo das Licht auf dem Schleier der Veronika ihre Sanftheit betont und Bruno im Kontrast hierzu die harten Gesichtszüge der Knappen mit schnellen Pinselstrichen darstellt. Das Gemälde hat ein hohes Formniveau und zeigt sowohl klassizistische Tendenzen als auch den Naturalismus von Caravaggio auf. Mit einer auserlesenen Virtuosität und einem überraschenden Realismus stellt der Künstler die Tränen auf dem Gesicht der Veronika im Gespräch mit Christus dar: die Bluttropfen perlen ihm von der Stirn, die rote Tunika als Symbol für das Leiden, die Schulter trägt die Last des Kreuzes, das Gesicht ist heiter und der sanfte Blick von liebevoller Traurigkeit zeigt, dass er sich Sorgen um die Anderen und nicht um sich selbst macht. Außerdem wird die Zentralität des Gemäldes durch die Gesten der Hände der Hauptfiguren unterstrichen, die mit ihrem Kontakt einen imaginären Kreis mit dem Gesicht Christi in der Mitte schaffen. Um das Bild abzurunden stellt Bruno in einem irrealen Hintergrund mit reichen Pinselstrichen einige Figuren in einem abwesenden Gespräch dar. Im zweiten Gemälde „Der ans Kreuz genagelte Christus“ ist die christliche Figur schräg dargestellt und unterteilt so quasi die Szene des Gemäldes in zwei Niveaus; im Hintergrund kann man eine Gruppe von Personen, darunter einige Soldaten und die Jungfrau Maria, sehen, die abgesondert und abwesend aussehen, als ob sie in diesem Moment nicht Teil der Szene wären. Im unteren Teil des Gemäldes ist die Szene belebt und gibt dem Betrachter das Gefühl der Gegenüberstellung der Gleichgültigkeit der vier Henker, die schnell ihre Arbeit beenden wollen, und dem gottergebenen geistigen, mehr als physischen, Leiden Christi. Die Darstellung erscheint noch dramatischer wegen des Gebrauches von einer chromatischen Farbskala und der malerischen Technik, die Farbe „mit Klecksen“ aufzutragen, was eine typische Eigenheit des Künstlers ist. Der neutrale Hintergrund, auf dem die ganze Szene aufgebaut ist, markiert die Psychologie der Figuren und ihre Wesenszüge und Eigenheiten. Im Register von 1662 ist notiert, dass die zwei Gemälde im Presbyterium, neben dem Altarbild von Molineri, hingen. Auch den Inventuren der Bruderschaft nach hatten die Kritiker die Leinwandgemälde stilistisch als Werke der Brüder Bruno anerkannt, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in dem Gebiet von Cuneo tätig waren. Während der Restaurierung des Bildes Ende im Mai 2012 kam die Unterschrift von Giovanni Battista zum Vorschein (versteckt durch den vergoldeten Rahmen aus Holz), die ein wichtiger Bezugspunkt für die Studie der Werke ist. Den Inventuren und den historischen Quellen zufolge hatten die zwei Brüder für die Bruderschaft vom heiligen Sebastian ein Apostolat von sechzehn Leinwandgemälden, ein Gemälde der heiligen Jungfrau „in einer Nische“ und zwei kleine Gemälde mit den heiligen Laurentius und Stefan kreiert. Nicht zu vergessen ist, dass die Brüder Bruno in der Stadt auch die wichtigen Gemälde mit den Geschichten des Kreuzes für die gleichnamige Bruderschaft erschaffen haben, die mit „Iulius et lo Baptista Fratres de Bruni pingebant anno MDCXXVI“ unterschrieben und datiert sind.
Die Brüder Bruno
Giulio Bruno, der piemontesische Maler aus dem 17. Jahrhundert, arbeitete in Genua, erst in der Werkstatt von Lazzaro Tavarone und dann in der von Giovanni Battista Paggi, wo seine Kunst reifte. Die 1674 in der Biographie von Raffaele Soprani beschriebene „Kleckskunst“ machte ihn sehr beliebt bei einigen Schätzern, darunter Giovanni Carlo Doria, einem großen Kunstsammler. 1625 verließ er Genua aus politischen Gründen und nachdem er nach Piemont zurückkam, arbeitete er mit seinem Bruder Giovanni Battista an verschiedenen Aufträgen in Cuneo. Bis heute kann man Giulio von Giovanni Battista nicht unterscheiden, aber Eingriffe von beiden sind in verschiedenen Werken deutlich.
Die Bruderschaften

Seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich mit den der Predigt gewidmeten Orden (Franziskanern, Dominikanern, Karmelitanern) ein großes religiöses Wiederaufleben und verschiedene Religionsgruppen entschieden sich, die dem Mitleid und Gebet gewidmeten gemeinschaftlichen Verpflichtungsformen anzunehmen. Somit waren die Bruderschaften geboren, Gruppen von Personen, die sich als Ordensbrüder sahen. Jede Bruderschaft strukturierte sich nach und nach mit einem eigenen Oratorium, einer spezifischen Dienstform und Kleidung. Die Bruderschaften sind die älteste Formen von öffentlichen Vereinigungen von christlichen Gläubigen, zu denen sich sowohl Lainen als auch Ordensbrüder anmelden konnten, mit dem Zweck von Bildung und Stütze zu einem geistigen Leben, der Förderung von spezifischen Aspekten des öffentlichen Kultus und des apostolischen bzw. mitleidigen Dienstes. Um die kirchliche Anerkennung zu erhalten, müssen die Bruderschaften von einem Bischof und dem heiligen Stuhl abgesegnet werden, sich mit einem Statut und mit nach den Statuten gewählten Moderatoren ausstatten, eine Liste von Anhängern pflegen und sie mit einer passenden Noviziatperiode vorbereiten, regelmäßige Versammlungen von Anhängern abhalten und die kirchliche Behörde über die Führung ihrer Beschäftigungen informieren. Auf dieser Grundlage haben die Bruderschaften ihre Kirchen gegründet, Heime für Pilger, Krankenhäuser, Waisenhäuser und viele Werke der Barmherzigkeit geleitet und unterstützt, so dass sie in vielen Regionen als „Barmherzige“ berühmt sind. Seit dem 12. Jahrhundert waren in Cuneo viele Bruderschaften anwesend, aber drei hatten einen unabhängigen Sitz in einem eigenen Oratorium, mit jahrhundertealter Tätigkeit: die Bruderschaft des Heiligen Jakob für die Pilger, die dann die des Heiligen Sebastian der Pestkranken wurde; Die von Santa Croce für die Kranken, die Armen und die verlassenen Kinder; die von San Giovanni Decollato oder der Barmherzigkeit für die Hilfe der Verurteilten und ihrer Familien, besonders ihrer Waisenkinder. Mit dem Konzil von Trient bildete die Kirche weitere Bruderschaften und Gemeinschaften (andere Formen von Laiengemeinschaften) und sie erkannte ihnen eine große Unabhängigkeit an, wodurch die Bruderschaften einen neuen Impuls hatten und viele Gebiete, die wir heute als öffentlich bzw. gesellschaftlich sehen (Krankenhäuser, Gefängnisse, Waisenhäuser, Versicherungen, Finanzdarlehen usw.), übernahmen. Besonders im 17. Jahrhundert wuchsen diese Gruppen zahlenmäßig und im gesellschaftlichen Ansehen (die größte Bruderschaften hatten ihre Mitglieder als Ratgeber in kommunalen, gerichtlichen Bereich usw.). Heute noch fahren die Bruderschaften mit ihren Werken für das Wohl der Gesellschaften fort, und sie wurden oft mit zeitgemäßen Aufgaben betreut, wie zum Beispiel die Bruderschaft von San Giacomo (Hilfe zu dem Jakobsweg) und die Barmherzigkeit (Erste Hilfe).
SANTA CROCE (HEILIGES KREUZ)
Eine „Gesellschaft der Schützlinge der Jungfrau Maria“, die schon 1290 in Cuneo im Kloster des Heiligen Francesco anwesend war, widmete sich dem Gebet der Jungfrau und der Pflege der armen Kranken. 1319 gründete sie ein Krankenhaus. 1424 wurden wegen der Verordnung des Bischofs von Asti drei anderen einverleibt, und sie bildeten das „Krankenhaus von den Disziplinanten von Santa Croce“. Sechs Jahrhunderte lang gedeiht die Bruderschaft rund um die Kirche Santa Croce und gründet um 1710-12 im derzeitigen Gebäude das Krankenhaus und den Empfangsort von Pilgern und Waisen. 1960 bekam das Krankenhaus den neuen Sitz.
SAN GIACOMO UND SAN SEBASTIANO
Der Ursprung der Bruderschaft von San Giacomo, mit einem bei der alten Pfarrerei von Santa Maria gestellten Oratorium, ist nicht aufgezeichnet; bereits seit den ersten Anfängen von Cuneo 1211 ist ihre Anwesenheit auf der Grabaufschrift des Priesters von San Giacomo bezeugt. Sie war ein Empfangsort von Pilgern und sie wurde von Pilgern gegründet. Gegen 1481, mit dem Niedergang von Pilgerfahrten, widmete sich die Bruderschaft den Ausnahmezuständen der Pest und fügte den Schutzpatron San Sebastiano hinzu. 1606 gründete sie die Gesellschaft der Madonna del Carmine, die bis in die jüngste Zeit die neue Seele der Kirche war.
SAN GIOVANNI DECOLLATO DELLA MISERICORDIA
1595 wurde auch in Cuneo eine Bruderschaft der Barmherzigkeit gegründet, die sich der Hilfe von Häftlingen und Verurteilten widmete. Der Sitz war in einem Oratorium nicht weit entfernt des Galgens, wo die Verurteiligungen durchgeführt wurden. 1633 leitete sie ein Hauses für den Waisen der Verurteilten. Die dem Heiligen San Giovanni Decollato gewidmete Kirche hatte 1727 neue Tätigkeiten und gründete nebenan ein neues Waisenhaus. Mit den Abschaffungen von Napoleon wurden die Bruderschaft und das Waisenhaus in das ehemaligen Kloster der Annunziata, zusammen mit dem Waisenhaus des Mitleids, gestellt. 1961 wurde sie geschlossen.

