Im 16. Jahrhundert wird die alte Bruderschaft mit der des SANKT SEBASTIAN, Schutzpatron gegen die Pest, zusammengeführt. Es ist eine Zeit zu der die Stadt aufrüstet und zu der ein FREMDER nicht mehr wie Christus willkommen geheißen und eingeladen wird, sondern als ein Feind angesehen wird, der Krieg und Krankheiten bringt.
Die Pest war aufgrund der zerstörerischen Kraft, eine der meist gefürchtetsten Epidemien in der Geschichte der Menschheit. Oft wurden die Pest-Ausbrüche als göttliche Strafe angesehen, wodurch die Menschen Trost in der Religion suchten. Der Kult um die Wundertäter gegen die Pest wie Sankt Sebastian und Sankt Rocco intensiviert sich, zahlreiche Votivkirchen werden errichtet und die Zahl der Pilger erhöht sich. Die Pest verursacht eine tiefgreifende Veränderung in der Gesellschaft, der massive Verlust von Menschenleben führte zu seiner schockierenden Umstrukturierung. Sozioökonomischen Bedingungen und Hygiene müssen sich grundlegend verbessern, bevor die Epidemien fast völlig verschwinden (so treten zum Beispiel noch im späten neunzehnten Jahrhundert viele Fälle von Cholera auf und Tausende sterben Ende des Ersten Weltkriegs am Spanischen Fieber). Auch in Cuneo und Umgebung sind die Auswirkungen der Epidemie verheerend: allein die Pfarrei von Santa Maria della Pieve hat fast 500 Tote. Das Gebet in diesem Raum ist die Hymne des sechzehnten Jahrhunderts von den Brüdern des Heiligen Kreuzes von Cuneo, welches als Bittgebet für die Stadt rezitiert wurde.
Die wenigen zuverlässigen Quellen über die Figur des Heiligen sind die “Depositio Martyrum” (354) und der “Kommentar zu Psalm 118” des Heiligen Ambrosius (340-397), auf die sich wahrscheinlich die Legende des „Passio“ des Mönchs Arnobio der Jüngere (5. Jahrhundert) stützt. Sebastian, der vielleicht in Mailand als Sohn einer Mailänderin und eines Narbonners geboren wurde, zieht im Jahre 270 nach Rom, um eine militärische Laufbahn zu ergreifen und Kommandant der ersten Prätorenkohorte unter Diokletian und Maximilian zu werden. Dank seiner Position konnte er den inhaftierten Christen helfen und Trost spenden und sich um das Begräbnis der Märtyrer sorgen. Dies war der Grund, warum Diokletian ihn dazu verurteilte, an einen Pfahl gebunden zu werden und mit Pfeilen durchbohrt zu werden. Er wurde für tot gehalten und den Tieren zum Fraß vorgeworfen. Die Adlige Irene, die gekommen war, um seinen Körper abzuholen und ihm ein anständiges Begräbnis zu geben, bemerkte, dass er noch lebte. Sie brachte ihn in ihr Haus und pflegte ihn gesund. Als er genesen war, fuhr Sebastian mit der Verkündung seines Glaubens fort und trat vor den Kaiser, der ihn diesmal zu Geißelung bis zum Tode verurteilte (ca. 304). Sein Körper wurde in die Cloaca Maxima (wörtlich: größter Abwasserkanal) geworfen, sodass die Christen ihn nicht zurückholen konnten. Sebastian erschien Lucina im Traum und zeigte ihr den Ort, wo sein Körper sich befand, damit sie ihn finden und in den Katakomben an der Via Appia begraben konnte. Eine Handlung der „Gesta Langobardorum“ erzählt, dass im Jahre 680 vor Christus eine schreckliche Pest Rom und Padua heimsuchte, jedoch auf den Rat eines Engels, der die Errichtung einer Kapelle in beiden Städten zu Ehren des Heiligen Sebastians in der Kirche San Pietro in Vincoli verlangte, ein Ende fand. Der Märtyrer wurde also als Wundertäter gegen Epidemien auserkoren. Der Heilige wird am 20. Januar verehrt und gilt als der dritte Patron Italiens nach den zwei Aposteln Petrus und Paulus. In Cuneo entstand die erste Kirche, die dem Heiligen gewidmet wurde, auf Initiative der Stadt im Jahre 1431 in der Nähe der „Porta di Nizza“.
Heiliger Sebastian

- Heiliger Sebastian, 17. Jahrhundert. LIMONE PIEMONTE.
Im Hochmittelalter wurde der Heilige Sebastian als alter und als römischer Soldat gekleideter Mann dargestellt. Ab dem 15. Jahrhundert wurde er dargestellt als ein sehr schöner, nackter und junger Mann, an einen Baum oder an eine Säule gefesselt und von Pfeilen durchbohrt. Dies berücksichtigte das erste Martyrium, weil Symbol des Bösen; in der klassischen und biblischen Tradition repräsentieren die Pfeile die Strafe Gottes und die Pest ist die Metapher einer solchen Strafe.
Rochus von Montpellier
Rochus von Montpellier wurde um 1295 in Montpellier geboren und entschied im Alter von 20 Jahren nach einer religiösen Krise, sein Vermögen den Armen und Kranken zu spenden und sich dann auf die Suche nach Christus zu machen. Er begann so eine lange Wallfahrt nach Frankreich, um nach Italien und zu den durch die Pest entvölkerten Städten zu gelangen. Nach seiner Ankunft in Rom widmete er sich der Pflege der Pestkranken, ohne Angst vor Ansteckung. Durch langes Fasten und Anstrengungen geschwächt wurde er krank und suchte Zuflucht in einer Höhle, um auf den Tod zu warten. Die Legende besagt, dass er von einem Hund genährt wurde, der ihm täglich ein Stück vom Schlossherren gestohlenes Brot brachte. Rochus genas und trat seine Rückreise an, wurde jedoch unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet und in Voghera eingekerkert, wo er fünf Jahre vor seinem Tod verbrachte. Einige der ikonographischen Symbole des Rochus von Montpellier sind der Hund, der die göttliche Treue darstellt, die Wunde der Pest, die an die bedingungslose Aufopferung gegenüber anderen erinnert, der Stock, der an die Wallfahrt und die Suche des Herrn erinnert sowie das Brot in Erinnerung an das Abendmahl.
Episoden aus dem leben des heiligen Sebastian

Episoden aus dem leben des heiligen Sebastian, ca. 1637 | öl auf leinwand
Die Quellen zeugen von der Präsenz der Verehrung des Heiligen Sebastian in der Stadt bereits seit 1431: In diesem Jahr wurde der Bau einer Kapelle, die dem Kult gewidmet wurde, durch einen Beschluss des Stadtrates erlaubt. Laut einigen lokalen Quellen gab es bereits in dieser ursprünglichen kleinen Kirche Bilder mit der Lebensgeschichte des Heiligen. Die achtzehn Leinwände wurden von den illustresten Familien der Stadt, die der Bruderschaft des Heiligen Sebastian angehörten und auf die die Wappen hinweisen, in Auftrag gegeben. In einem Dokument aus dem Jahre 1628 wird Giovanni Antonio Molineri (der im selben Jahr die Fresken der Evangelisten im Presbyterium der Kirche angefertigt hatte) beauftragt, die „sechzehn Gemälde aus dem Leben des Heiligen Sebastian“ zu verwirklichen. Der Künstler starb jedoch im Jahre 1631, gerade wegen der grausamen Seuche, die das Land dezimierte und so geht der Auftrag im Jahre 1632 an die „fremden Künstler“ über, die sich im November des gleichen Jahres in der Stadt befanden. Ein Dokument aus dem Jahre 1637 fordert den Abschluss der Gemälde: Die Mitbrüder fordern die Abgabe der fertigen Arbeit für das kommende Fest des Heiligen Sebastian am 20. Januar an. Die Gemälde sind traditionell den Gebrüdern Bruno zugeschrieben, obwohl die Restaurierung ergeben hat, dass mindestens zwei verschiedene und war ungleich geschickte Künstler an dem Werk beteiligt waren. Sie bilden stilistisch ein „trait d’union“, eine Verbindung zwischen der figurativen Kultur der Gebrüder Bruno und der um die Mitte des Jahrhunderts in Cuneo aktiven Malern. Vom künstlerischen Standpunkt aus ist die Geschichte fesselnd und unterhaltsam, die Figuren besitzen Natürlichkeit in den Bewegungen und in der Haltung, die Farben sind gut bemessen und zeigen beträchtliche Helligkeitseffekte. Ein Gemälde bezieht sich auf das nächste wie ein ununterbrochenes Gespräch, um die christliche Bedeutung zu übermitteln. Die achtzehn Gemälde bleiben bis Mitte des 18. Jahrhunderts in der Kirche aufgehängt und bis zur französischen Revolution sind sie entlang der Straßen anlässlich der Prozession der Madonna del Carmine ausgestellt. Die Wahl der Ikonographie ist als Form des Gebets für das Ende der Pest, die in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts die Stadt besonders stark getroffen hatte, zu verstehen. Der Bildzyklus konzentriert sich auf Handlungen aus dem Leben des Heiligen, die sich auf die Passion des 5. Jahrhunderts berufen. Auf den Leinwänden finden wir einen Sebastian, der mit Kleidern des 17. Jahrhunderts gekleidet ist und die vom Auftraggeber geschaffenen heraldischen Wappen: Wir müssen bedenken, dass diese während der Prozession von der gesamten Bürgerschaft gesehen wurden, weshalb das Wappen der Familie deutlich sichtbar sein musste. Die heraldischen Elemente werden derzeit untersucht, doch es ist schon möglich, die Wappen der Familien Lovera, Bava, Rebaudengo und Riperti eindeutig zu identifizieren. Diese Gemälde beschreiben einige der wichtigsten Abschnitte des Lebens des Heiligen, von der Geburt bis zur wichtigen militärischen Laufbahn, der Bekehrung von zahlreichen bedeutenden Personen des Römischen Reiches bis zum Martyrium. Interessanterweise wird hier nur das erste Martyrium des Heiligen dargestellt, jenes, das geschah, als „Diokletian befahl, ihn in der Mitte eines Feldes zu fesseln und dass Soldaten Pfeile auf ihn schießen sollten. Diese beschossen ihn mit Pfeilen bis er aussah wie ein Igel, sodass sie dachten, er sei tot und weggingen“ (Jacopo da Varazze, Legenda Aurea).
Aus dem Verzeichnis der Bruderschaft geht hervor, dass im Jahre 1672 an der Decke des Oratoriums „ein großes Bild…mit dem Wappen des seligen Anführers Bottero, das das letzte Martyrium des Heiligen Sebastians darstellt“ platziert war. Das dargestellte Martyrium ist jenes, in dem der Heilige ausgepeitscht und sein Körper in die Cloaca Maxima geworfen wird. Das Werk, wahrscheinlich ein ergänzendes Teil der hier dargestellten Reihe, ist nicht mehr im Besitz der Bruderschaft vorhanden.
Heraldik

Um über Heraldik zu sprechen, ist es unerlässlich, zunächst die Bedeutung der unterschiedlichen Begriffe, die den Wortschatz dieses Fachgebiets bilden, zu kennen. Mit dem Begriff „Wappen“ soll die Summe aller Figuren, Embleme, Farben und Verzierungen definiert sein, die nötig sind, um eine Person, Familie oder Körperschaft zu erkennen. Die Heraldik hingegen ist die Disziplin, die uns lehrt, die Wappen zusammenzusetzen und erklärt, wie ein Wappen aufgebaut ist. Blason ist die Disziplin, die uns die Bedeutung der Wappen zu verstehen und diese mit heraldischen Begriffen richtig zu erklären lehrt.
Die Prozessionen
Seit jeher wird der christliche Kult auch über die Prozessionen zum Ausdruck gebracht, beziehungsweise das geordnete Procedere in Richtung eines Ziels des gesamten Volkes Gottes. Das Konzept hat sicherlich Gemeinsamkeiten mit dem Judentum und allen großen religiösen Kulturen aller Zeiten. Mit der Krise der großen Wallfahrten (Heiliges Land, Santiago de Compostela), den häufigen Kriegen in den europäischen Ländern und dem Erneuerungsdruck der Religionsorden werden die Prozessionen zu einer Art „Mini-Wallfahrt“, bei der das Bild „Kirche = Volk auf dem Weg“ noch deutlicher ausgedrückt werden kann. Das gesamte Volk schreitet hinter dem Kreuz Christi, das jeden Zug eröffnet („Wer mir nicht folgt ist meiner nicht würdig“, sagt Jesus). Das Volk ist geordnet unterteilt je nach Zugehörigkeit (Bruderschaften, Kompanien, Gläubige, Klerus, Adel), die ihre eigenen Uniformen und Abzeichen zur Schau stellen, singen und beten wie „ein Herz und eine Seele“. In der Mitte des Procedere wird das Bild der Jungfrau Maria oder das des Schutzpatron oder der zur letzten Reise begleitete Leichnam eines Verstorbenen getragen – auch sie sind Brüder, die unter Brüdern „laufen“, um sie zu ermutigen und Fürsprache für sie zu halten. Innerhalb der gleichen Liturgie entwickeln sich Prozessionen: Die Eingangsprozession, die Gabenbereitung, die Kommunion, indem in Stein und Marmor der Kirchenböden die Wege und Stationen eingezeichnet werden (die berühmten „Cosmateschi“ der großen römischen Basiliken zum Beispiel). Seit 1200 dann, mit der Krise der Eucharistiepraxis, fand Jesus neue Wege, um in der Mitte seines Volkes zu bleiben und der Kult der Eucharistie basiert für Jahrhunderte tatsächlich auf der Fronleichnamsprozession, bei dem sein Körper durch die Straßen und Häuser einer jeder Ortschaft getragen wird. Die Prozessionen werden zu einer großen Zurschaustellung (nicht unbedingt nur in negativer Hinsicht) der gesamten Gesellschaft der Zeit und werden zu einem Vorwand für Zank und Streit über Wegerechte, Wegführung, Etappen, Zurschaustellung von Uniformen und Abzeichen. Die zeitgenössische Liturgie entdeckt die Prozessionen als ein wirksames Zeichen der Dynamik und Gemeinschaft des christlichen Lobpreisens. Auch heute noch benötigt der Mensch das „zu Fuß gehen“, um die eigene Zugehörigkeit kundzutun: Neben den Prozessionen mehren sich die Märsche, Paraden und verschiedene Arten von Veranstaltungen, die mit ihren weltlichen Symbolen (Slogans, Plakaten, Bannern) alten und neuen Ideologien Ausdruck verleihen.
Die Prozessionen der Bruderschaften
Die Prozessionen der Bruderschaften, erste Hälfte des 17. Jahrhunderts | Öl auf Leinwand
Es schildert die Prozession der wichtigsten Bruderschaften Cuneos (Santa Croce, San Sebastiano, San Bernardino, San Giovanni Battista) und des Adels bei der Kapelle des Heiligen Sebastian. Das Gebäude wurde auf Geheiß der Stadt im Jahre 1431 "in der Nähe der Porta di Nizza" (auf dem Gebiet der heutigen Piazza Galimberti) gebaut und ist dort in Betrieb geblieben bis 1691, dem Jahr seiner endgültigen Aufgabe aufgrund einer Explosion. In der dargestellten Szene erscheinen verschiedene Gruppen, die mit Laternen, Kruzifixen und Fahnen ausgestattet sind. Unter ihnen befinden sich vielleicht der Christus aus der Cruciata des 15. Jahrhunderts (jetzt im Krankenhaus Santa Croce) und die Fahne des Moncalvo, an die in den Verzeichnissen von San Sebastiano erinnert wird. Es scheint heute, dass eine Spur in der Madonna del Carmine, die im gleichnamigen Saal des Museums ausgestellt wird, zu finden ist. Die Zeitrechnung des Gemäldes soll nicht zu weit entfernt von der Pestepidemie, die in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts die Stadt heimsuchten, eingeordnet werden. Das Gemälde verwirrt durch die Kombination eines streng realistischen Stils (wir erkennen klar die Sicht von der Seite von Gesso mit der Torre Civica, St. Franziskus und die Fassade von S. Maria del Bosco, deren Glockenturm während der Belagerung von 1557 einstürzte) mit einem phantasievolleren Stil (die Bergkette im Hintergrund erscheint ungenau gegenüber der realen Orographie), die als Kulissen eines kleinen Theaters fungieren, das im Vordergrund die Parade der Obrigkeit zeigt. Die Sorgfalt, mit der das Stadtbild erbracht wird, legt die Verwendung eines Gravurmodells nahe, vielleicht ein hingebungsvoller Abdruck oder ein von der Belagerung des Jahres 1557 abgeleiteter Blick auf Cuneo. Die Unterlagen erzählen, dass schon seit 1599 Streit entstand aufgrund der Unterteilung der Prozessionsgruppen und wegen des Vorrangs beim Tragen des „Pallio“. Die Gemeindeordner sagen, dass diese „um jede Unannehmlichkeit und jeden Lärm wegzunehmen“ den „disziplinierten Brüdern der vier Kompanien“ anvertraut werden. Das Kürzel unten links (GAB) beziehen sich wahrscheinlich auf die Initialen des Auftraggebers – bisher nicht identifiziert – nach dem Vorbild dessen, was auch für die Gemälde des Heiligen Sebastian gilt, die in diesem Raum ausgestellt sind.

