6

Reliquien-Kapelle

Die Alte Kirche sieht in Märtyrern Menschen, die Christus am ähnlichsten sind. Sie sind diejenigen, die ihr Leben geben, um Zeugnis für das Evangelium zu tragen, daher kümmert sich die Kirche um ihre Gräber und  spricht sie "heilig", ähnlich wie Jesus Christus.

Bald findet die Kirche das gleiche mutige Zeugnis in den Menschen, die ihr Leben „außergewöhnlich" leben, ohne das Martyrium zu erreichen (wie zum Beispiel die Jungfrau Maria). Der erste heilig gesprochene Nicht-Märtyrer ist St. Martin, Bischof von Tours, dank seiner außergewöhnlichen Barmherzigkeit (von der die berühmte Episode des Teilens seines Mantels ein Symbol ist) und seine unermüdliche Arbeit der Verkündigung des Evangeliums. Die Leiber der Heiligen werden als Zeugnis von Christi angesehen und auf ihren Gräbern gedeihen wundersame Zeichen. Mit der Ausbreitung der Kirche multiplizieren sich die Reliquien (wörtlich "Fragmente"), die mit den Körpern der Heiligen verbunden sind, um Beweise in „Fleisch und Blut“ auch in kleinere Gemeinden zu bringen, dass viele Menschen schon wie Jesus lebten und dass dies somit für jeden möglich sei. Als gültige Beweise gelten auch Objekte (zum Beispiel mit dem Martyrium verbunden) oder Orte (in diesem Sinne als "heilig" zu bezeichnen). Die wachsende Nachfrage nach Reliquien führt zu einer schier unendlichen Fragmentierung (zum Beispiel immer winziger werdende Teilchen von Knochen). Zudem werden Objekte, die mit Reliquien in Berührung kommen wiederum zu Reliquien (in diesem Sinne ist zu beachten, dass die meisten der Reliquien mit dem Kreuz Christi verbunden sind). Wir können heute nicht vollständig nachempfinden, welche Bedeutung die Gläubigen den alten Reliquien zuschrieben; einige Phänomene erzeugten teils gar Fanatismus und Aberglauben, was zu einem der Eckpfeiler des Protestes Luthers wird, und dazu führt, dass die römische Kirche nach dem Konzil von Trient,  mehr und mehr Sorgfalt anwendet, um den Wahrheitsgehalt von Reliquien zu zertifizieren.

Anthropologen sind sich einig, dass die Entstehung des Begriffs „Geschichte“ ihren Ursprung hat, als der Mensch beginnt, Begräbnisse seiner Nächsten zu pflegen (oder andere Formen der Bestattung). Erinnerungen zu bewahren bedeutet tatsächlich, festzuhalten und die von einer oder mehreren Personen gelebten Geschichten zu überliefern und zu bewahren; sie sind seit den ältesten Zivilisationen der Beweis und die unmittelbare Bezeugung, noch vor Dokumenten oder Schriftstücken. Die Christen verehren ebenfalls ein Grab, jedoch ist es leer! In der Tat ist Jesus von den Toten auferstanden und hat versprochen, all jene, die versuchen werden, wie er nach dem Evangelium zu leben, wiederauferstehen zu lassen. Die frühe Kirche erkennt in den Märtyrern (diejenigen, die ihr Leben geben, um das Evangelium zu tragen) die Menschen, die Christus am meisten ähneln und übernimmt deshalb die Pflege ihrer Gräber und erklärt sie als „Heilige“, also Jesus ähnelnd und deshalb dazu berufen, aufzuerstehen. Bald finden sich gleiche mutige Zeugnisse auch in Menschen, die ihr Leben „außergewöhnlich“ leben, ohne das Martyrium (die Jungfrau Maria zum Beispiel) zu erreichen. Der erste Heilige, der kein Märtyrer ist, war der Heilige St. Martin, Bischof von Tours, dank seiner außergewöhnlichen Barmherzigkeit (dessen berühmte Geschichte des Mantels ein beredtes Symbol ist) und seine unermüdliche Verkündung des Evangeliums. Die Körper der Heiligen werden dann als Zeichen von Christus betrachtet und ihre Gräber verzieren einzigartige Zeichen. Mit der Ausbreitung der Kirche vervielfältigten sich die mit den Körpern der Heiligen verbundenen Reliquien (wörtlich „Fragmente“), um auch in die kleineren Gemeinden die „Beweise“ wortwörtlich „leibhaftig“ zu bringen, dass viele Menschen bereits wie Jesus gelebt haben und dies also für jeden möglich ist. Auch auf den Märtyrer bezogene Gegenstände oder Orte, die in diesem Sinne auch als „heilig“ bezeichnet werden, gelten als gültige Beweise. Die wachsende Nachfrage nach Reliquien führt zu einer unendlichen Fragmentierung (immer winzigere Teilchen von Knochen) oder zu der Verehrung von Gegenständen, die mit ihnen in Berührung gekommen sind und somit selbst Reliquien werden (in diesem Sinne sind die meisten Reliquien zu betrachten, die zum Beispiel mit dem Kreuz Christi verbunden werden). Heutzutage können wir die Bedeutung, die die Gläubigen altertümlich den Reliquien beimaßen, nicht vollkommen erfassen: St. Helena „zerlegt“ das halbe Jerusalem, um die Treppe des Prozesses Christi, die Säule der Geißelung, die mit der Geburt Jesu und der Passion verbundenen Fragmente nach Rom zu bringen. Die Venezianer, wie auch die Bewohner Baris, entwendeten aus Kirchen des Morgenlands die Körper des St. Markus und des St. Nikolaus, um sie zur Mitte ihrer Kultur zu machen, während Bruder Elias den Körper des Heiligen Franziskus von Assisi aus Angst vor Diebstahl so gut versteckt, dass er erst nach sechs Jahrhunderten zufällig wiedergefunden wird. Die Bewohner Pisas brachten Tonnen an Erde, die rund um das Heilige Grab zu Jerusalem abgegraben wurde, angrenzend an den berühmten schiefen Turm (und der Ort wurde seitdem nicht mehr als Friedhof, was wörtlich Ort der Ruhe bedeutet, sondern „Campo Santo“, heiliges Feld bezeichnet). Die Basilika von Loreto und die Sainte Chapelle in Paris sind riesige Truhen je zur Aufbewahrung der Steine des Heiligen Hauses und der Dornen der Christuskrone. Ebenso wird in Rom ein ganzes Gebäude gebaut, um die „Heilige Treppe“ enthalten zu können. Diese Phänomene erzeugen manchmal auch Fanatismus und Aberglauben (einige bekannte Seiten des Dekamerons verspotten diese Art von Devotion), sodass sie zu einem Eckpfeiler des Protests Luthers werden; weswegen die römische Kirche sich nach dem Konzil von Trient mehr und mehr um eine richtige Verehrung der Reliquien sorgt, mit Hilfe von Auskundschaftungen der Bischöfe und Begleitunterlagen, um ihren Wahrheitsgehalt zu bestätigen.

Reliquienschrein des Heiligen Fabiano

Reliquienschrein des Heiligen Fabiano, 17. Jahrhundert, gemeißeltes Holz, geschnitzt und vergoldet; Glas

Unter den zahlreichen Reliquien, von denen die Dokumente der Bruderschaft zeugen, erscheinen die des heiligen Fabiano, die die Bruderschaft aus Rom als Ersatz derer des Heiligen Sebastians erhalten hatte, in einem Dokument von Januar des Jahres 1656, in dem zitiert wird: “cascietta per l’interposizione delle Sante Reliquie del glorioso martire San Fabiano fatta fare […] nella cui fabbrica, fattura et ogni cosa ha esso P. Paolo Scotto (consigliere) ducento e più ducati e fa d’essa cascietta copiosa donazione et alienazione a detta Compagnia”. Ein paar Monate später finden wir Beweise für die Entsiegelung des Schreins, in dem sich der Körper des Heiligen Fabianos befindet und noch ein wenig später wissen wir, dass der Maler Lelio Scaffa für „das Malen eines Eisengitters für den Schrein des Heiligen Fabianos“ bezahlt wird. Es handelt sich daher um die kostbare Gabe eines Bruders, deren wertvolle Anfertigung die Hingabe, mit der die Reliquien des heiligen Märtyrers betrachtet wurden, bezeugt.